Drury Brennan wurde in St. Paul, Minnesota geboren, ist aber im wilden L.A. der Achtziger aufgewachsen. Er studierte Kunst an der School of the Art Institute in Chicago und hat an allen möglichen Orten in den USA gewohnt, bis er den Schritt nach Berlin wagte. Heute lebt er in Kreuzberg und schreibt in seinem Atelier in Neukölln von Kalligrafie und Graffiti inspirierte Kunstwerke. Mit uns sprach er über seine Hassliebe zum Graffiti, kufische Alphabete und Hip Hop.

Du bist mitten in der Graffiti-Szene von Los Angeles aufgewachsen. Wie beeinflusst das heute deine Arbeit?

Es gibt dieses Zitat von Picasso: „Ein gutes Bild sollte einschneidend sein wie eine Rasierklinge.“ In der Graffiti-Szene in L.A. geht es sehr viel ums Einschneiden. Wenn du deine Kindheit in den Straßen von Los Angeles verbringst, wirst du auf die eine oder andere Art mit Graffiti in Berührung kommen; und wenn du auch nur anfängst, deine Unterschrift zu stilisieren.

Alle meine Freunde waren Hardcore-Writer, aber ich mochte einfach diesen Vibe und dieses Unmoralische nicht, das sie alle irgendwie aufgefressen hat. Ich habe als Jugendlicher nie selber gesprayt, aber mochte die Kalligrafie und die Power vom L.A.-Graffiti schon immer. Ich habe das Gefühl, Los Angeles hat mich viel darüber gelehrt, wie eine Schrift sein muss, damit sie aussieht, als könnte sie dich lieben. Oder umbringen.

Gibt es einen Künstler oder Musiker der dich beeinflusst hat?

Ich werde zwei nennen, weil sie mir beide extrem wichtig sind. Erstens: Hector “HEX TGO” Rios. Er ist ein unglaublich talentierter Künstler aus L.A., der wahnsinnig viel erreicht hat, aber gleichzeitig ist er einer der bescheidensten, liebsten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte. Schaut euch seine Arbeiten an!

Zweitens: Der Hip Hop-Produzent Madlib. Er geht einfach voller Seele, ohne Scheu und total Lo-Fi an Musikproduktion ran. Er hat keine Angst vor dreckigem Vinyl. Er holt aus Platten, die er in irgendeinem Keller gefunden und gar nicht erst sauber gemacht hat, die majestätischsten Beats raus. Wir brauchen davon mehr in der Kunst. Diese Verknüpfung von Hoch- und Straßenkultur.

 

Wie recherchierst du? Wanderst du auf der Suche nach Inspiration durch die Straßen?

Was Kalligrafie betrifft, sammle ich sehr viele alte Bücher aus der ganzen Welt, die mit Typografie und Schriften zu tun haben. Ich habe außerdem eine PDF-Kollektion mit seltenen Handbüchern und Schrifttafeln. Meine Inspiration kommt also weniger von der Straße als von indischen Moschee-Dekorationen und kufischen Alphabeten aus dem 8. Und 9. Jahrhundert. Ich studiere und übersetze diese alten Handbücher, um zu lernen, wie es ist, Buchstaben wirklich zu leben, Körper und Geist zum Vehikel für Schriftkunst zu machen.

Ich schaue mir aber immer alles an. Sachen die ich hasse, Sachen die ich liebe, Street Fashion, ranzige Flohmärkte – alles ist inspirierend.

Wie ist dein Werdegang? Hast du Kunst studiert? Welche Jobs hast du neben deiner Kunst sonst gemacht?

Ich habe einen Abschluss von der School of the Art Institute of Chicago (die Kanye-Uni!) mit den Schwerpunkten Fotografie und Keramik.

Was Jobs anbelangt: Als Zwölfjähriger habe ich als Hausmeistergehilfe angefangen, um mir Schallplatten kaufen zu können. Außerdem war ich auch schon Telefon-Wahrsager, Barista, Rezeptionist, Hochzeitsfotograf, Platzwart, Keramiktechniker, Buchverkäufer, Koch, Fotolaborant, Verkäufer bei American Apparel, Einkäufer für Weltmusik… alles Mögliche.

Was machst du am liebsten in deiner Freizeit? Fühlt sich deine Kunst für dich wie Arbeit an?

Ich habe das Gefühl, auf irgendeine Art arbeite ich immer. Ich helfe zum Beispiel in einem Yogastudio in Mitte aus und bekomme dafür kostenlosen Unterricht. Das mache ich für mein Workout, zur Entspannung, aber wie das immer so ist, wenn man sich irgendwo engagiert – man wächst und lernt dabei und entwickelt Disziplin und will weiter gehen.

Ich denke, sogar Kinder, die Ball spielen, wollen darin besser werden, wenn sie erstmal die Basics drauf haben. Ich kann diese Neugier nicht abstellen. Alles kommt rein in den Mix und wird interpretiert. Ich denke, das einzige, was wirklich keine Arbeit für mich ist, ist essen. Und ich liebe es, alles Mögliche zu essen.

Ich liebe auch lesen. Ich habe gerade „The Kingdom of Ice“ von Hampton Sides ausgelesen. Da geht es um eine gescheiterte Polarexpedition. Es ist voller absolut ekliger und absolut erhabener Momente. Tonnenweise historische Details und unglaubliche, wahre Ereignisse. Ich habe auch viele Texte aus dem tibetischen Buddhismus gelesen. In letzter Zeit sind die Transkripte von Chögyam Trungpa ein riesen Einfluss für mich.

Du machst viele Murals und großformatige Projekte. Was war bisher dein liebster Auftrag bzw. dein liebstes Projekt?

Meine erste große Museumsausstellung in Chicago war großartig. Und die Arbeit, die ich für die Poetry Foundation angefertigt habe. Ich will mehr davon!

 

Was ist dein Traumprojekt?

Ein komplettes, mehrstöckiges Haus mit meiner Schrift zu überziehen. Mindestens 5 Stockwerke. Aber ich nehme auch 25, wenn einer sie mir gibt.

 

Danke, Drury!