Wenn Henry Rivers nicht gerade illustriert oder Buchcover gestaltet, genießt er das Landleben in einer Kleinstadt nahe Bordeaux. Seine Arbeiten nehmen uns jedoch mit an Orte, die von der französischen Provinz weit entfernt liegen: Von der Côte d‘Azur bis in die Antarktis, von Tokio bis Rio de Janeiro: In pastelligen Farben und mit einem Hauch von Retro-Ästhetik sind Rivers Arbeiten imstande, selbst schlimmstes Fernweh zu stillen. Wir haben mit ihm über das Leben auf dem Land, seine Faszination für Städte und die für die Farben Blau und Rot gesprochen.

Was trinkst du am liebsten zur Happy Hour? Ein Pint Bitter (obwohl das gar nicht so einfach zu finden ist im ländlichen Frankreich).

Wenn du nicht Künstler wärst, was wärst du dann? Fotograf oder vielleicht Pokerspieler.

Du lebst in einer Kleinstadt in der Nähe von Bordeaux. Wie kamst es dazu, dass du ausgerechnet dorthin gezogen bist und was magst du am „Landleben“ am liebsten? Ich bin auf der Isle of Wight aufgewachsen, einer kleinen Insel vor der Südküste Englands, und mag es, nah am Meer zu leben. Das war Grund Nummer Eins. Der zweite war die Nähe zu Bordeaux. Meine Verlobte Grace und ich lieben die Stadt und fahren oft am Wochenende hin. Es gibt viele tolle Grafikdesign-Shops und tolle Restaurants, es ist nicht zu groß sodass man überall gut zu Fuß hinkommt und die Architektur ist wunderschön. Außerdem mag ich Wein.

Obwohl ich so viel Zeit damit verbringe, Städte zu zeichnen, wäre es nichts für mich, diesen urbanen Lifestyle rund um die Uhr zu leben. Ich genieße ihn lieber in kleinen Dosen. Ich würde ein paar gepflegte Drinks im Garten einer Barnacht wohl so gut wie immer vorziehen. Ich mag es, von Natur umgeben zu sein. Es gibt in dem Dorf, in dem wir leben, viele Wiedehopfe, die meiner Meinung nach mit Abstand die coolsten Vögel sind. Sie über den Rasen stolzieren zu sehen während man ein Buch liest fasst ganz gut zusammen, was ich am Landleben so mag.

 

Welche Stadt möchtest du unbedingt einmal besuchen und warum?
Tokio. Ich bin momentan total besessen von Murakamis Büchern. Ich finde es spannend, Orte mit einer ganz anderen Kultur und Lebensweise kennenzulernen als der, die ich gewohnt bin.

Erzähle uns ein bisschen was über deine Begeisterung für große Objekte, für kleine Details und für das Wechselspiel zwischen beiden.
Schwierige Frage! Ich glaube, alles begann mit Fotografie: Wenn ich eine Stadt fotografiere, dann möchte ich nicht eine mittelmäßige Aufnahem von einer bekannten Aussicht oder einer berühmten Fassade machen, die ich auch auf einer Postkarte finde. Ich versuche stattdessen, Momente oder Details zu finden, die das wahre Leben und die Energie einer Stadt einfangen.

Auf meinen Lieblingsaufnahmen trifft ein bestimmter Moment oder ein bestimmtes Detail auf ein flüchtig eingefangenes Wahrzeichen, das dem ganzen einen Kontext gibt. Wenn ich eine Stadt in einem Kunstwerk festhalten möchte, gehe ich da ganz ähnlich vor.

Warum sind ausgerechnet Rot und Blau als prominente Farben immer wieder in deinen Arbeiten zu finden?
Als ich mit der Serie begann (den Anfang machte New York), fanden sich außer einem roten und einem blauen keine anderen Farbstife in meiner Stifteetui. Ich mochte das Ergebnis, also blieb ich dabei; ich schaue für gewöhnlich nicht zurück! Manchmal, wenn es an die Digitalisierung eines Werkes geht, experimentiere ich mit unterschiedlichen Farben. Aber meistens bleibe ich letztlich doch bei einer rot-blauen Variante, warum auch immer.

Du bist nicht nur Illustrator, sondern hast dich auch auf die Gestaltung von Buchcovern spezialisiert. Wie gehst du von Anfang bis Ende vor, wenn du ein neues Projekt beginnst?
Meine Vorgehensweise ist bis zum Versenden der ersten Entwürfe immer ähnlich. Danach kann so gut wie alles passieren. Zwischen dem Feedback des Verlegers, des Autors und des Marketing-Teams zu balancieren ist eine echte Herausforderung.

Aber so in etwa gehe ich vor:

Schritt 1: Einen Auszug aus dem Buch lesen umd ein Gefühl für die Atmosphäre und den Stil zu bekommen.

Schritt 2: Ein paar Stunden lang Skizzen für den Titel des Buches machen, immer wieder ein bisschen etwas verändern. Das gibt mir ein Gefühl dafür, wie die Worte und Buchstaben auf der Seite angeordnet sein sollten und wie sie Teil des Designs werden.

Schritt 3: Dutzende Skizzen rausfeuern, um jeder Idee, die in meinem Kopf aufploppt, eine Chance zu geben und niemals an einem bestimmten Design hängen zu bleiben.

Schritt 4: Die Skizzen für ein paar Tage (oder Wochen) weglegen.

Schritt 5: Mit frischem Kopf zu den Skizzen zurückkehren und schauen, was noch immer nach einer guten Idee aussieht. Zwei oder drei davon auswählen und daraus erste „echte“ Entwürfe entwickeln (unter Zuhilfenahme von Wasserfarben, vielleicht auch Fotobearbeitung oder weiteren Skizzen).

Wenn wir uns deinen Arbeitsplatz anschauen würden, was würden wir sehen?
Momentan arbeite ich nicht an einem bestimmten Ort, sondern schlage mein „Lager“ jeden Tag an einem anderen Platz in unserem Haus auf. Mein nomadischer Workspace besteht jedoch immer aus: Blauen, roten und schwarzen Stiften, einem metallenen Lineal (einem Relikt aus meinem Architekturstudium), einigen Skizzenbüchern und meinem Laptop.

Häufig läuft im Hintergrund ein Film. Ich lerne gerade Französisch, also ist es meist in französischer Film (oder ein ins Französische synchronisierter). Heute habe ich Notting Hill alias Coup de foudre à Notting Hill gesehen.

Rio oder Kairo?
Kairo (obwohl ich mein Rio-Poster eigentlich mehr mag als das Kairo-Poster).

Danke, Henry!

 
 
 
 
 
 
 
×