Nakeducation: Durch Kunst das Narrativ verändern Nakeducation: Durch Kunst das Narrativ verändern

Es ist an der Zeit, eindimensionalen Schönheitsidealen den Mittelfinger zu zeigen. Wie kann Kunst die Tabus rund um den weiblichen Körper aufbrechen und jede von uns dazu befähigen, stolz auf ihren eigenen zu sein?

Es ist an der Zeit, eindimensionalen Schönheitsidealen den Mittelfinger zu zeigen. Wie kann Kunst die Tabus rund um den weiblichen Körper aufbrechen und jede von uns dazu befähigen, stolz auf ihren eigenen zu sein?

Täglich werden mit unrealistischen und viel zu strengen Schönheitsstandards konfrontiert. Die Erfahrung, in den Spiegel zu schauen und im Kopf die Dinge aufzulisten, die man gerne ändern würde, kennt wohl jede*r von uns. Seit man erkannt hat, dass aus den Unsicherheiten der Menschen Kapital geschlagen werden kann (also seit eh und je), werden wir mit Gründen gefüttert, unsere Körper nicht zu mögen. Echte Körperakzeptanz - mit sich im Reinen sein - erfordert Arbeit. Wenn wir ehrlich sind, müssten dafür sämtliche Synapsen in unserem Gehirn neu verdrahtet werden.

Nakeducation, der Online-Workshop, der von The Female Company und Floox gemeinsam mit der Künstlerin Eva-Maria Janson entwickelt wurde, lädt Teilnehmerinnen dazu ein, einen kritischen Blick auf die Standards zu werfen, denen wir so oft selbst aufsitzen und legt den den Fokus auf Normalisierung und Zelebrierung aller Körper. Jede Künstlerin hat so ihr eigenes, individuelles Kunstwerk geschaffen und sich dem Prozess aus einer persönlichen Perspektive genähert. Wir haben uns mit vier der Künstlerinnen unterhalten, um mehr über die Herausforderungen und Höhepunkte dieses besonderen Erlebnisses zu erfahren und sie gefragt, was genau Body Positivity für sie bedeutet.


Chantal @misstakenbysleep

Für mich war das Kunstwerk eine Konfrontation mit mir selbst. Zeichnen ist für mich häufig eine Art der Bewältigungsstrategie. Der Workshop hat mich persönlich angesprochen, da ich meine eigene Weiblichkeit in der Vergangenheit stark kritisiert habe. Es fühlte sich sehr befreiend an, eine Frau zu zeichnen, ohne dabei auf Perfektion zu achten und den Körper so zu gestalten, dass vermeintliche Makel gewertschätzt werden. Ich war stolz, dass diese "Makel" das Bild zu einem Kunstwerk werden ließen.

Bodypositivity bedeutet für mich: Selbstliebe und Akzeptanz für alle Körper. Die Abschaffung von unrealsitischen und diskriminierenden Schönheitsidealen ist ein wichtiger Schritt für die eigene mentale Gesundheit. Wir sind mehr als bloß ein Körper, wir sollten ihn aber unbedingt dafür lieben, dass er uns durch Gesundheit und Krankheit trägt und unser Leben widerspiegelt, welches ja auch nicht “makellos” verläuft.

Magdalena @magda_mad_chen

Was mich die letzten Jahre umtreibt, ist die sexuelle Objektifizierung von Frauen. Derzeit sitze ich an meiner Masterarbeit über das Thema. Wie gehe ich mit meinen eigenen Objektifizierungs-Erfahrungen um? Wie verlerne ich Selbst-Objektifizierung? Mit welchen Bildern wird die Reduktion von Frauen auf ihre Körper verstärkt? Wie kann es mir gelingen, Frauen zu malen, ohne sie zu Objekten zu machen?

Kreativ fordere ich mich gerne heraus, deshalb habe ich alle der sechs Frauen gemalt und dabei besonderes Augenmerk auf die Formenvielfalt der Brüste gelegt. Den Schriftzug „nude“ habe ich als Referenz zu John Bergers Ways of Seeing (1972) hinzugefügt. Hinsichtlich des weiblichen Aktbilds unterscheidet er in ‚nude‘ und ‚naked‘: „To be naked is to be oneself. To be nude is to be seen naked by others and yet not recognized for oneself“. Trotzdem ich die Frauen mitsamt ihres Kopfes abgebildet habe, bleiben sie anonyme Körper – der Eindruck wird verstärkt durch das Fehlen der Gesichter. Das Bild ist widersprüchlich, weil ich die Frauenkörper wie Objekte in Szene setze, und gleichzeitig genau das kritisiere.

Maren @kornblumenentdeckerin

Als ich in meinem Garten saß und begann, mich mit dem weiblichen Körper auseinanderzusetzen, stellte ich fest, dass die Natur auch keine Blüte wie die andere erschafft, sondern jede seine ganz eigene Form besitzt. Doch hier fragen oder beurteilen wir nicht das Aussehen, sondern erfreuen uns an ihrer Schönheit und an ihrem Dasein. Wieso tun wir es dann nicht auch mit unseren Körpern? 

Als ich zu malen begann, stellte ich mir eine fröhliche, stolze Frau vor, die ihren Körper und ihr Leben gleichermaßen liebt, wie sie sind. Die Formen und Rundungen sollten in dem Bild fließen und dieses Gefühl verkörpern. Die Farben habe ich entsprechend meiner Umgebung gewählt: Sonniges Gelb, leuchtendes Rot, feuriges Orange und sanftes Blau. Sie verdeutlichen, wie vielfältig und bunt das Leben ist, wie unterschiedlich der weibliche Körper sein kann und was für Wunder er Monat für Monat vollbringt. Eine wunderschöne Erfahrung. Ich fühlte mich im Reinen mit mir selbst und mit meiner Umgebung. Es tat gut, Formen und Farben sprechen zu lassen und sich nicht auf jedes Detail zu versteifen, denn so wie alle Körper perfekt sind, so ist es die Kunst auch.

Julia M @_banun._

Da ich mich dazu entschieden habe, meinen eigenen Körper zu malen, war es für mich eine starke Auseinandersetzung und Konfrontation mit mir selbst. Verbunden mit dem Malen hatte der Prozess aber eine therapeutische und ermutigende Wirkung auf mich. Nach dem Kurs habe ich angefangen, mich selbst lange im Spiegel zu betrachten. Das war zu Beginn irgendwie ungewohnt und ich musste anfangen zu schmunzeln: Ich hatte mich zuvor noch nicht so lange und intensiv im Spiegel angeschaut – gar nicht so schlimm! :)

Nach einer kurzen Zeit hab ich mich immer wohler gefühlt und begonnen, jede Narbe, jedes Röllchen, jede Asymmetrie, jeden Dehnungsstreifen etc. aktiv wahrzunehmen, genauer zu betrachten und auch anzunehmen. Genau jene Details mit dem Stift linienhaft zu betonen und so im minimalistisch gehaltenen Bild hervorzuheben, macht jedes Werk des Kurses so echt und besonders. Nichts wurde kaschiert, versteckt oder bearbeitet, sondern so realistisch wie möglich malerisch dargestellt.

Wenn du dich inspiriert fühlst und kreativ werden – oder dich nackt auszuziehen - willst, kannst du hier mehr über den Workshop erfahren. Der Workshop ist auf Deutsch und lädt dich ein, dich auszuziehen, die Farben auszupacken und neue Wege zu finden, deinen Körper wertzuschätzen und dich in ihm wohlzufühlen (wie wär’s zum Beispiel mit Nackt-Yoga?). In der Zwischenzeit sollten wir alle mal einen Gang runterschalten, ein bisschen Liebe und Freundlichkeit verbreiten und unsere Körper als die wunderbar unvollkommenen, sich stetig verändernden und bärenstarke Kunstwerke schätzen, die sie sind.

Text: Caitlin Hughes

Übersetzung: Eva Klann


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